Teilnehmende Künstlerinnen


Die mitwirkenden KünstlerInnen – aus Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Multi-Media und Musik – wurden von Dr. Corina Toledo eingeladen, an dem vorligenden Frauenprojekt mitzuwirken. Die Thematik, "Identitäten in Zeiten der Globalisierung“ wird in diesem Sinne aus dem jeweils eigenen Blickwinkel mit unterschiedlichen Schwerpunkten reflektiert. Die Künstlerinnen haben angefangen, sich auf die Suche nach ganz persönlichen Antworten zu begeben. So haben sich sechs Positionen entwickelt, die sich in ihren Arbeiten wiederspiegeln und somit eine ganz persönliche Ausdrucksform finden.

Corina Toledo

Chile

Die Malerei betrachte ich, für mich als Frau mit Wurzeln in Lateinamerika, als ein Instrument, mit dem Sprachbarrieren überwunden werden können. Mein Versuch, Politik mit Hilfe künstlerischer Mittel zu reflektieren, politische Kunst zu wagen und mein politisches Unbehagen zu zeigen, führen mich zu einer fast dadaistischen Ausdrucksform. Meine Auseinandersetzung mit dem Thema „Identität in Zeiten der Globalisierung“ wurde ausgelöst von folgenden Beobachtungen aus den letzten Jahrzehnten. Die Apartheidpolitik, sprich die selbsterklärte Vorherrschaft der "weißen“, europäisch stämmigen Bevölkerungsgruppe über alle anderen Völker Südafrikas, führte zur jahrzehntelangen Inhaftierung von Nelson Mandela, der sich gegen die Unterwerfung, Diskriminierung und den Genozid zur Wehr setzte, von vielen internationalen Politikern jedoch als "Terrorist" bezeichnet wurde. Die grundlegende Wende kam 1994, als Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt wurde. Nun, jetzt, in Zeiten der Globalisierung hat Mandela eine starke politische Symbolkraft. Er wird zu einer moralischen Instanz und als Identifikationsfigur wahrgenommen – weltweit!
Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika schien sich 2009 ein Wunder zu ereignen. Der erste Mann mit afrikanischen Wurzeln wurde als 44. Präsident ereidigt und im Jahr 2012 sogar wiedergewählt. Bereits im Dezember 2009 bekam er den Friedensnobelpreis! Wenn auch nur für kurze Zeit galt Obama weltweit als eine starke politische Symbolfigur und als Hoffnungsträger. Wie sind diese Entwicklungen zu verstehen? Wieso führten sie nicht zu nennenswerten Verbesserungen für die „Verdammten dieser Erde“?
Bekannt ist, dass bis vor nicht allzu langer Zeit kaum einer Frau gelang, sich an die politische Spitze eines Staates oder einer internationalen Organisation zu etablieren. Heute, in Zeiten der Globalisierung, sind bereits etliche Frauen starke Identifikationsfiguren. Wieso hat jedoch die Globalisierung nicht zu einer massiven Inklusion von Frauen in Staat und Gesellschaft geführt? Wieso haben trotzdem Feminisierung der Armut, Femizid und Prostitution sowie der damit einhergehende Frauenhandel zugenommen? Wie identitätsprägend sind diese Phänomene? In meiner Malerei finden all diese Gedanken und Fragen eine persönliche Ausdrucksform! 



Aylin Özdogan

Türkei

"Wer bin ich?" - Die Suche nach der Identität ist in jedem Menschen tief verankert. 

Für mich ist Identität ein fortwährender Prozess der eigenen Entwicklung, der sich je nach Lebenssituation ändert und stark an die Gesellschaft gebunden ist. Denn obwohl jeder Mensch ein Individuum ist, gehören wir zu einer Gesellschaft.  Nazim Hikmet: "Leben, einzeln und frei wie ein Baum / und brüderlich wie ein Wald / das ist unser Traum". Dem schließe ich mich an. Der Begriff der Globalisierung ist auf verschiedensten Ebenen wie Politik, Religion, Kultur oder Wirtschaft unerschöpflich diskutierbar. Ohne Industrialisierung und Verflechtung unterschiedlicher Menschengruppen hätte eine universelle Entwicklung der Weltwirtschaft nie stattgefunden und die Kulturen beeinflusst. Die heutigen Informations- und Kommunikationssysteme machen es uns möglich, unseren Horizont und Blickwinkel zu erweitern. Wir sind nicht mehr dem Mikrokosmos vorgegebener Regeln, Denk- und Verhaltensmuster ausgeliefert. Aus meiner Perspektive hätte ohne Globalisierung meine geistige Entwicklung nicht in diesem Maße stattfinden können.  

In der Immigrationsflut der 60er Jahre kamen meine Eltern nach Deutschland und ich kam mit 9 Monaten zu meinen Großeltern. Nach 4 Jahren holten sie mich nach. In eine fremde Umgebung, entwurzelt, mit fremden Menschen und fremder Sprache. Im traditionellen, familiären Umfeld zu funktionieren und mich zugleich in den westlichen Kulturkreis einzufügen, bedeutete für mich, mit Traditionen zu brechen, Grenzen zu überschreiten. Als Frau habe ich Tabuthemen aufgegriffen, wie sexuelle Selbstbestimmung und freie Partnerwahl - ein Spagat zwischen Orient und Okzident. Ich konnte aus beiden Kulturen die für mich richtigen Werte herausfiltern. Ich habe mich dadurch zu einer flexibleren und toleranteren Frau entwickelt. Mit meinen Werken möchte ich die persönliche Entwicklung und Einmaligkeit des Individuums hervorheben, aber auch die Herausforderung annehmen, unterschiedliche Kulturen zuzulassen, um diesen mit mehr Toleranz und Respekt zu begegnen.

Vita:

  •  28.10.1964 in Isparta/Türkei geboren, seit 1968 in Deutschland.
  • 2005 – 2009 Zeichenakademie BFS-Berufsfachschule für Bildende Kunst,Schwerpunkt Portrait Malerei bei Herrn H.F. Schweitzer
  • April 2010 Kunsttherapieausbildung am Kunsttherapie-Institut in München bei Thurid Stewart, Abschluss März 2012


Angela Lenk

Deutschland

Mein Blick auf das Thema „Identität in Zeiten der Globalisierung“ ist sehr persönlich und emotional – nicht in erster Linie politisch, sozialkritisch, aktivistisch. Ich erlebe die Globalisierung sehr stark als „Besitz ergreifen“ und „Eingrenzen“. Wenn ich ein Teil der modernen Gesellschaft sein will, muss ich mich über wirtschaftlichen Erfolg und westlich-materialistische Werte definieren. Andere Facetten meiner Identität wie Familie, Heimat und Spiritualität weichen immer mehr auf. Mein emotionales Erbe ist geprägt von Verlust und Besitzdenken und einem Gefühl der Heimatlosigkeit.

Mutter vertrieben, Heimatverlust, Verlust der Kindheit, Verlust der Geschichten und Orte, Verlust des Besitzes, Verlust der Freiheit, zerstörtes Deutschland, gebrochener Stolz, Misstrauen in den Familien, wer war Nazi, welche Personen sind noch würdig, welche Werte können noch gelten. Dann American Way of Life als das neue Glück. „Ein wirtschaftlich erfolgreicher Deutscher ist ein guter Deutscher“. Ich fühle mich gefangen. Ich bin Teil eines Systems, dessen Werte ich nicht in Gänze teile. Doch ich brauche das „Dazugehören“ genauso wie das „Abgrenzen“, um ganz zu sein.  

Wo ist der Platz für das Andere? Wo kann ich meine Kreativität und meine Verbundenheit leben? Ich wünsche mir eine Toleranzgesellschaft, die Verschiedenheit wertschätzt und ich möchte einen Beitrag zur Buntheit dieser Welt leisten. Mit meinem Beitrag zur Ausstellung möchte ich darauf aufmerksam machen, wie wichtig es ist, Vielfalt zuzulassen und jedem einzelnen Menschen den Nährboden für die Ausprägung seiner eigenen Identität zu geben. Und ich möchte den Blick darauf lenken, dass die Globalisierung uns auch viele Freiräume eröffnet, das Leben bunt und vielfältig zu gestalten und neue Identifikationsmodelle zu schaffen.

Vita:

  • 1960 geboren in Naila, lebt und arbeitet in München
  • 1980 – 1987 Studium der Linguistik und Romanistik
  • 1989 – 2010 Marketing Manager bei einem internationalen Konzern
  • 2008 VHS München „Einführung in die Holzbildhauerei“
  • 2009 – 2012 Basisstudium Bildhauerei, Bildhauerhalle Bonn, Paul Advena
  • 2012 – 2014 Aufbauklasse Bildhauerei, Bildhauerhalle Bonn, Paul Advena


Barbara von Johnson

Deutschland

Anstatt einer Globalisierung auf rein wirtschaftlicher Ebene, sollte eine Globalisierung auf moralischer Ebene stattfinden. Die gleichberechtigte Vernetzung von Menschen und Ideen untereinander sollte hier im Fokus stehen – dabei sollten kulturelle und individuelle Werte und Identitäten erhalten und gefördert werden. Das Ziel dieser Art von Globalisierung sollte eine respektvolle Einstellung allen Lebewesen gegenüber und eine gerechte Verteilung von Raum, Ressourcen und lebenswertem Inhalten sein. Denn jeder, ob groß oder klein, trägt seinen unentbehrlichen Teil zum Ganzen bei. Nicht berechnendes Richtungsdenken, sondern integrales Denken ist das, "was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe). Die Aussage: „Ich denke, also bin ich" (Descartes) gilt nicht mehr – „Ich liebe, also bin ich“ ist in unserer heutigen Wahnsinns-Welt das einzige, was unserer Identität noch Sinn und Halt gibt. 

In meiner künstlerischen Arbeit zu diesem Thema zeige ich sowohl die Einschränkungen (Raum und Intenditätsverlust) einer rein wirtschaftlichen Globalisierung, als auch den Ansatz einer integralen Auffassung in meinen abstrakten Bildern, wo jedes Detail „gleichberechtigt“ den zur verfügungstehenden Raum „bewohnt“.

Vita:

  •  1942 in München geboren
  • Aquarellmalerei bei Oskar Kokoschka und Radierung und Bühnenbild an der Sommerakademie, Salzburg
  • 1963 Als Studentin an der Akademie für das grafische Gewerbe  Gewinn des Wettbewerbs zur Visualisierung des PUMUCKL
  • 1988 Kunsttherapieausbildung im AKT
  • Leitung von Seminaren für Kinder und Frauen
  • Gründung einer Galerie im eigenen Haus
  • Studienreisen nach Südafrika, Venezuela, Chile, Israel, Milos und Korfu
  • Seit 1993 weltweite Ausstellung ihrer Karikaturen, Collagen, Objekte und Materialbilder, Fotografien und Malerei 

Ebru Düzgün

Sich als junge Frau die Frage zu stellen, was „Identität in Zeiten der Globalisierung“ bedeutet, ist sicher kein leichtes Unterfangen. Doch hinsichtlich meiner persönlichen Biographie kann ich behaupten: Meine Identität hat sich aus dem kulturellen Reichtum von Deutschland und der Türkei gespeist. Starke weibliche Vorbilder, wie meine Mutter und Großmutter, bei denen ich Geborgenheit erfahren, die Fähigkeit zu Lieben und zugleich Zerbrechlichkeit gelernt habe, tragen heute noch zu meiner Identitätsfindung bei. In der dritten Generation bin ich in München aufgewachsen, mit Rechten und Pflichten, die für mich eine Selbstverständlichkeit sind. So gehe ich meine Wege als selbstbewusste Frau, die zur Vielfalt in der Gesellschaft beiträgt. Den einen Weg gehe ich als Studentin der Architektur, und den anderen als Musikerin in der deutschen Hip-Hop-Szene, die überwiegend männlich dominiert ist. Meine Musik greift unterschiedliche Themen auf, die zum Reflektieren motivieren sollen, auch im Bezug auf „Identität“.