Dr. Martha Schad


Schirmfrau

Es ist mir eine große Freude, die Schirmfrauschaft für diese interdisziplinäre und transkulturelle Kunstausstellung mit dem Titel „Die Wahrnehmung von Frauen in Augsburg - Impulse des politischen Unbehagens“ übernehmen zu dürfen. Als Historikerin hatte ich es mir zur Aufgabe gemacht, Frauen – nicht nur aus Augsburg - aus den Fußnoten der jahrhundertelang männlich besetzten Geschichtsschreibung zu holen, deren Lebenswege aufzuzeichnen und ihr privates und öffentliches Wirken darzustellen. Dadurch trage ich zur Sichtbarkeit der „weiblichen Seite der Geschichte“ in der männlich dominierten Geschichtsschreibung bei. Der Blick auf die Frauen in Augsburg wurde in einem „Augsburger Frauenlexikon“ festgeschrieben, somit wissen wir viel über deren Lebensumstände in guten und in schlechten Zeiten. Ich lebe in Augsburg in der Stadt, die in Deutschland mit 40% den höchsten Einwohneranteil mit Migrationserfahrung hat. Seit Jahrzehnten leben wir miteinander und sogenannte Migrantinnen finden sich heute in fast allen Gesellschaftsschichten in Augsburg. Nach wie vor geht es allerdings darum, dass Frauen nicht immer noch mehr leisten müssen, sondern dass die Leistungen von Frauen endlich sichtbar gemacht und wahrgenommen werden. Die Mädchen und Frauen, die nun in großer Zahl aus vielen Ländern zu uns kommen, die Flucht und Vertreibung, und damit die Trennung von ihren Familien und Kindern zu tragen haben, sind in Augsburg besonders willkommen. Sie sollen von Anfang an das Gefühl haben, dass sie wahrgenommen werden, dass ihnen von vielen Seiten Hilfsangebote zur Verfügung stehen. Das Ziel heißt, das sich für die Migrantinnen schnell der Weg ergibt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, durchaus geprägt von ihrem kulturellen Hintergrund. Die Initiatorin der Ausstellung „Die Wahrnehmung von Frauen in Augsburg“, Dr. Corina Toledo, eine Politikwissenschaftlerin, befasst sich seit Jahrzehnten mit der Frauenforschung. Über die bildende Kunst führt sie Frauenforschung weiter. In diesem Frauenprojekt richtet sich ihr Interesse auf das weibliche Dasein im Patriarchat des 21. Jahrhunderts. Die gezeigten Werke zur „Wahrnehmung von Frauen“ aller mitwirkenden Künstlerinnen veranschaulichen ganz besonders eindringlich, wie Einflüsse verschiedener Kulturen, das künstlicher Schaffen beeinflussen, ohne jedoch historische Elemente aufzugeben. Die Künstlerinnen haben die Rolle, die Funktion und die Darstellung von Frauen reflektiert, analysiert und widmen sich der aktuellen Frage der Identität in Zeiten der Globalisierung. Ich wünsche der Ausstellung große Besucherzahlen, denn sie ist ein wichtiger Beitrag, um zu erkennen, dass es an uns liegt, diesen mutigen Migrantinnen die Hand zu reichen, für sie Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen und ihnen den Zugang zu allen Lebensbereichen zu ermöglichen.

Dr. Magret Spohn


Leiterin des Büros für Migration, Interkultur und Vielfalt

Die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen und doch sind sie weit davon entfernt auch nur die Hälfte des Einkommens, der Macht oder des Einflusses zu haben. Frauen mit und ohne Migrationshintergrund sind in Deutschland nach wie vor in Führungspositionen unterrepräsentiert und überrepräsentiert, wenn es um die Erziehung von Kindern oder die Erledigung des Haushalts geht. Bilder und Stereotype über Frauen und vor allem über Frauen mit Migrationshintergrund gibt es viele und halten sich hartnäckig. Die emanzipierte Frau mit Kopftuch, die als Germanistin Deutsch unterrichtet, die Direktorin, deren Eltern aus der Türkei kommen, die Unternehmerin, die als Aslybewerberin vor vielen Jahren aus Afrika kam, die Rapperin mit türkischen Wurzeln- sie alle brechen diese stereotypen Bilder, deren Wurzeln bis weit in die Kolonialgeschichte reichen und oft von rassistischen Wissensbeständen zeugen. Das Leben und die Biographien, der ausstellenden und auftretenden Künstlerinnen zeigen die Vielfalt einer migrantisch geprägten Gesellschaft. Sie zeugen auch von Brüchen, von Schmerzen, von Verlusten, aber auch vom Behaupten in einer Gesellschaft, die nur allzu oft abweisend reagiert. Wie nehmen sich die Frauen selbst wahr? Was ist Ihnen so wichtig, dass sie es in der Kunstausstellung „Wahrnehmung von Frauen“ und in den kulturellen Beiträgen zeigen möchten? Das Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt unterstützt die Kunstausstellung mit den Kooperationspartnerinnen und das Rahmenprogramm deswegen, weil hier ohne erhobenen Zeigefinger und ohne dies besonders zu betonen Frauen mit und ohne Migrationshintergrund als selbstverständlicher Teil der Frauen von heute betrachtet werden. Gerade für die Friedensstadt Augsburg, die einen der höchsten Anteile an Menschen mit Migrationshintergrund bundesweit ausweist, stellt diese Ausstellung schlicht die Realität einer postmigrantischen Stadtgesellschaft dar. 

Barbara Emrich


Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Augsburg

„Wahrnehmung von Frauen“ hat eine doppelte Bedeutung: Frauen nehmen wahr und Frauen werden wahrgenommen. Subjekt oder Objekt - aktiv oder passiv. Immer noch sind Frauen in unserer Gesellschaft zu oft Objekt und zu wenig Subjekt. Besonders auffällig ist dies in der Werbung. Aber auch bei anderen Anlässen werden Frauen zu schmückendem Beiwerk. Bei der Siegerehrung des DFB-Pokals 2016 standen Frauen, in goldene Roben gehüllt, völlig bewegungslos am Rand der Bühne, auf der sich ansonsten nur Männer befanden, quasi als Rahmen. Eine Spitzensportlerin in goldenem Kleid durfte den Pokal bringen und auf ein Podest stellen. Überreicht hat sie ihn nicht. Sie gehörte zur Dekoration. Bei einem Gang durch ein Museum fällt auf: Fast alle Bilder sind von Männern gemalt und fast alle Nackten sind Frauen. Frauen waren lange Zeit Objekte, die gemalt wurden und keine Künstlerinnen, die selbst gemalt haben. Sie waren nicht zu künstlerischen Ausbildungen zu gelassen. Frauen galten als nicht begabt, geschweige denn als Genie. Herausragende Malerinnen gab es dennoch in jedem Jahrhundert. Sie galten als Ausnahme der Regel. Männer interpretierten die Wirklichkeit. Das Bild der Frau in der Kunstgeschichte, das uns immer noch prägt, entspringt männlichen Phantasien. In den letzten beiden Jahrhunderten fielen die Schranken für das künstlerische Wirken von Frauen. Eine Erkenntnis ist: Wenn Frauen malen, werden die Bilder anders. Sie bieten eine andere Sicht, oft auch eine Innensicht, die Männern verborgen ist. Es freut mich sehr, dass bei dieser Ausstellung „Wahrnehmung von Frauen“ sehr unterschiedliche Künstlerinnen, aus verschiedenen Nationen mit unterschiedlichen Ausdrucksformen ihre Sicht zeigen. Sie tun dies bewusst als Frauen und geben uns dadurch Impulse, in einer Zeit und Gesellschaft, in der die Würde der Frau immer noch auf unterschiedliche Weise gefährdet ist. Ich hoffe, dass durch die Ausstellung ein lebendiger und bereichernder Diskurs entsteht und freue mich auf die Begegnungen. 

Sabine Lembert-Dobler


Leiterin des Friedenbüros der Stadt Augsburg 

Wie werden Menschen wahrgenommen? Ganz unterschiedlich. Wie werden Frauen wahrgenommen? Natürlich auch ganz unterschiedlich! Spielt das Geschlecht überhaupt eine Rolle? Eine komplexe Frage. Wir sprechen nicht mehr nur vom Schema „Mann“ oder „Frau“. Es gibt eine Vielfalt von Geschlechteridentitäten. Facebook bietet mittlerweile über 60 Optionen an, das eigene Geschlecht für sich individuell zu definieren: von crossgender zu androgyn, von weiblich zu transweiblich zu geschlechtslos. Die damit verbundenen Rollen sind Konstruktionen, an die sich wiederum Benachteiligungen oder Privilegien knüpfen. Ob und wie ich als Frau oder Mann eingeordnet und bewertet werde ist geprägt vom gesellschaftlichen Umfeld. Als Frau wahrgenommen zu werden verstärkt andere Kriterien der Benachteiligung wie Alter, Herkunft, Religion und Behinderung – weltweit. Gerade in der Vielfaltsgesellschaft ist es wichtig, Intersektionalität – also die Überschneidung von mehreren Diskriminierungsformen - und die ganz verschiedenen Interessen und Lebensumstände von Frauen zu berücksichtigen. Sonst besteht die Gefahr, den eigene Horizont, das eigene Selbstverständis als einzige „Normalität“ zu sehen. Die unterschiedlichen Realitäten und Rassismus wurden lange von der Frauenbewegung in Deutschland kaum thematisiert. Die Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung May Ayim schrieb bereits vor 20 Jahren: „in Deutschland groß geworden habe ich gelernt, dass Rückständigkeit schon von außen und vom weiten erkennbar ist an der Hautfarbe, dem Kopftuch, der Beschneidung, dem Islam, dem Analphabetismus, dem Nomadentum, dem Körperbau, der Gangart, den Sprachlauten und dass man/frau was tun muss! retten muss! bewundern muss!“ Die Ausstellung „Wahrnehmung von Frauen“ steht im Kontext von Mut, dem Thema des Rahmenprogramms des Augsburger Friedensfests 2016. Mut braucht es, sich aus eigenen und fremdbestimmten Zuschreibungen und Mustern zu lösen. Die Künstlerinnen zeigen ihren individuellen Umgang mit ihren Erfahrungen als Frauen, als Menschen. Sie stellen ihre Ideen in den Kontext von alltäglicher gesellschaftlicher Wirklichkeit und Mut. Mut ist eine menschliche Fähigkeit, die genau wie die Angst jedem Menschen innewohnen kann. Die Mutigen wissen um ihre Angst, sie verdrängen sie nicht, sondern gehen bewusst durch sie hindurch. Die Künstlerinnen laden uns ein, uns einzulassen: auf ihre persönlichen Perspektiven und gleichzeitig auf unsere eigene Reflexion. 

Silke Kirchberger


 Pfarrerin im Evangelischen Forum Annahof

Die Wahrnehmung von Frauen! Hure oder Heilige? Treusorgende Mutter oder Karrierefrau? Vamp, Heimchen am Herd, der bessere Mann? Es gibt viele Klischees, doch keines wird der Frau gerecht. Frau sein in Europa, in Deutschland im 21. Jahrhundert hat viele Facetten. Und jede Frau ist immer mehr als die Summe ihrer Stärken, Eigenheiten, Charakterzüge, mehr als die Summe ihrer Gene, ihrer Erziehung oder ihrer Erfahrungen. Wie werden Frauen wahrgenommen? Wie nehme ich mich selbst als Frau wahr? Stimmen Selbst- und Fremdwahrnehmung überein? Spannende Fragen, die in dem Projekt „Die Wahrnehmung von Frauen“ künstlerisch aufgegriffen werden. Frauen aus unterschiedlichen Kulturen setzen sich mit der Frage der Fremd- und Selbstwahrnehmung auseinander und präsentieren ihre Eindrücke und Erfahrungen, Gedanken und Gefühle. Das Evangelische Forum Annahof ist der ideale Ort für dieses Kunstprojekt. Wir verstehen uns als ein Forum, als ein für alle offener Platz, auf dem ein evangelischer Geist weht. Evangelisch, das heißt für uns: Bildung, Begegnung, Austausch und Dialog über Themen, die für den einzelnen und sein Leben wichtig sind, die wichtig sind für Kirche und Gesellschaft. Der Annahof soll ein Podium für die Gesellschaft sein, auf dem fair diskutiert, kritisch reflektiert und frei gedacht wird. Hier soll man etwas spüren vom Geist der Freiheit, der die Kinder Gottes treibt. Deshalb freuen wir uns, dass das Kunstprojekt „Die Wahrnehmung von Frauen“ bei uns zu Gast ist – ein wichtiger Beitrag, wenn es um die Frage der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern geht. 

Gudrun Nositschka


 Vorsitzende der Gerda-Weiler-Stiftung e.V.

Das Frauenkunstprojekt ‚Wahrnehmung von Frauen’, ins Leben gerufen von Dr. Corina Toledo, entsprach und entspricht weiterhin den Förderungskriterien der Gerda-Weiler-Stiftung für feministische Frauenforschung. Demnach sollen sich die Projekte mit den historischen, kulturellen und sozialen Befindlichkeiten von Frauen befassen und vom Standpunkt der Frauen aus betrachtet werden. Frau Toledo hat ihr Konzept ‚Wahrnehmung von Frauen’ weiterentwickelt, so dass der Vorstand der G-W-ST dieses Frauenprojekt im Jahr 2016 erneut als förderungswürdig angesehen hat.

Doris Fehr


 Vorsitzende des SI-Clubs Augsburg

Soroptimist International (SI) ist die weltweit größte Service-Organisation berufstätiger Frauen. Soroptimistinnen sind aktiv in Fragen der rechtlichen, sozialen und beruflichen Sicherung der Frau und bringen ihre Stellungnahme in die öffentliche Diskussion ein. Neben diesem gesellschaftspolitischen Engagement verwirklichen Soroptimistinnen ihre Ziele durch soziale Projekte. Außerdem agieren sie als Netzwerk für und von Frauen im Berufs- und auch im Privatleben. Die Schritte zum Erfolg heißen: Bewusstmachen – Bekennen – Bewegen. In diesem Sinne unterstützt Soroptimist Club Augsburg die Ausstellung „Die Wahrnehmung von Frauen“. Insbesondere möchten wir mit dem Dokumentarfilm „Töchter des Aufbruchs“ die Bevölkerung zu einer gedanklichen Auseinandersetzung zum hoch aktuellen Thema „Migrantinnen“ anregen. Der Film macht bewusst, dass es „ die Migrantin“ pauschalisierend nicht gibt. Migrantinnen sind keine homogene Gruppe. Sie unterscheiden sich im Hinblick auf ihr Herkunftsland, ihren sozialen Hintergrund, ihr Bildungsniveau, ihre familiäre Situation, ihrer Migrationsgeschichte etc.

Migration eröffnet neue Perspektiven und Möglichkeiten, beinhaltet aber auch Schwierigkeiten. Machen wir uns bewusst mit welchen vielfältigen Schwierigkeiten diese Frauen zu kämpfen haben: mutige Frauen, die eine Berufsausbildung abbrechen, eine Laufbahn unterbrechen, ihre gesamte Lebensplanung umändern, ihre Familie zurücklassen… Diese Frauen verdienen unser Respekt und unsere Solidarität. Wir bekennen uns dazu, dass wir für diese Frauen Chancen eröffnen, Chancen erneuern und Chancen sichern müssen. Wir bekennen uns zu unseren soroptimistischen Zielen für eine gleichberechtigte Teilhabe von Mädchen und Frauen mit Migrationshintergrund und deren Möglichkeiten, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen! Alle Projekte dieser inter- und transkulturellen Kunstausstellung sehen wir als Schritte des Bewusstmachen und Bekennen zum Thema „ Die Wahrnehmung der Frau“. Mögen Sie etwas in Bewegung setzen!