„Die Wahrnehmung von Frauen“ - in Augsburg

- Impulse des politischen Unbehagens -
Eine interdisziplinäre und transkulturelle Kunstausstellung

Schirmfrauschaft der Ausstellung: Dr. Martha Schad

 

Als Politikwissenschaftlerin scheint es auf den ersten Blick eine gewagte Herausforderung zu sein, sich mit der bildenden Kunst auseinanderzusetzen. Doch bei näherem Hinsehen ist Kunst schon immer nicht nur eng mit Politik verbunden gewesen, sondern stand oft sogar im Dienst der Politik.

 

Als ich vor acht Jahren auf Umwegen zur Malerei kam, begann ich ziemlich schnell, den kreativen Prozess als emotionalen Ausdruck – Impuls des politischen Unbehagens – wahrzunehmen. Die Interpretation des politischen Geschehens oder die Reaktionen darauf nahmen zunehmend konkrete Formen an. Begeistert und fasziniert erkannte ich zunehmend die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der Malerei, die ich außerdem als ideales Instrument wahrnehme, um Sprachbarrieren zu überwinden. Angeregt durch die mediale Präsentation und Politdiskurse in Bezug auf die Darstellung von Frauen entstand eine Sammlung von Werken in unterschiedlichen Formaten. So entwickelte sich die Idee, Kunst mit Politik zu verbinden.

 

Jetzt präsentieren wir die Ausstellung in Augsburg.
 

Auch in diesem Kunstprojekt richtet sich mein Interesse auf das weibliche Dasein im Patriarchat der Moderne, das heißt auf die Dominanz des Männlichen im Allgemeinen und auf die Herrschaft einer Handvoll weißer Männer über praktisch alle Lebensbereiche. Trotz dieser frauenfeindlichen Verhältnisse konnte ich in den letzten Jahrzehnten feststellen, dass es den Frauen in vielen Ländern gelang, sich selbst als kämpferische, denkende und handelnde Subjekte wahrzunehmen und als solche wahrgenommen zu werden. Die juristische Anerkennung einiger wichtiger Rechte innerhalb der Nationalstaaten erlaubt es immer mehr Frauen auf der Welt, eigene Lebensentwürfe zu entwerfen und diese auch zu leben. Heute ist es de jure möglich, dass Frauen selbst höchste Ämter der männlich konzipierten und etablierten Dominanzstruktur besetzen. Doch damit haben sich keine fundamentalen Verbesserungen für die Lebensumstände der meisten Frauen ergeben. Im Gegenteil - de facto sind in den letzten Jahrzehnten viele Rückschritte zu festzustellen. Mehr als jemals zuvor ist die Armut weiblich; Prostitution und der damit einhergehende Frauenhandel wie auch private und öffentliche Gewalt gegen Frauen haben zugenommen. 

Bei dieser patriarchalen Dominanz wird die Frau immer mehr, besonders auch in muslimischen Gesellschaften strengen religiösen Regeln unterworfen: Ihr Körper – als Objekt der Begierde – wird unter einer Verhüllung – Dschilbab, Tschador oder Burka – versteckt. Währenddessen hat „das frauenverachtende westliche Patriarchat (…) seine Tätigkeitsfelder von der Religion auf den Warenmarkt des Kapitals verlagert“, wie die Frauenforscherin Gudrun Nositschka erklärt.

 

Aber die Gesellschaftsverhältnisse waren nicht immer frauenfeindlich, sondern matrizentrisch, sprich: alles war um die Frau herum organisiert. Und heute noch gibt es bestimmte Gegenden in der Welt, wo es egalitäre Gesellschaften trotz kapitalistischer Einflüsse gibt, endogene Völker wie das Khasi-Volk, die Mosuo-Frauen im Süden Chinas oder die Welt der Minangkabau auf Sumatra. Dazu meinte die Frauen, und  Matriarchatsforscherin, Gerda Weiler, dass die Frau stets frei über ihr Leben und ihren Körper verfügen oder ihre Sexualität feiern kann, aber auch ihre Umwelt aktiv mitgestalten. In Gerda Weiler´s Sinne möchte ich mit diesem Kunstprojekt versuchen, die Kultur mitzugestalten und diese zugunsten der Frauen und Migranntinnen zu verändern. Frau Weiler vertrat ferner die Auffassung, dass nur durch die Wiederentdeckung der Göttin in uns, die Möglichkeit besteht, das (kapitalistische) Patriarchat, diese chronische Krankheit der menschlichen Kultur irgendwann überwunden werden kann.

 

Mit diesem Projekt "Die Wahrnehmung von Frauen", haben sich einige Künstlerinnen so identifiziert, dass sie in Augsburg mitwirken. In diesem Sinne angeregt, haben sich die hier vertretenen Künstlerinnen mit kulturellen Wurzeln, Vorurteilen, Traditionen, Ritualen, Massenmedien, Religionen auseinandergesetzt. Sie haben die Rolle, die Funktion oder die Darstellung von Frauen reflektiert, analysiert oder gefühlt. Somit sind in die präsentierten Kunstwerke die individuellen Perspektiven und Ideen, Emotionen und Erfahrungen eingeflossen. All das Gelebte, Gefühlte oder Gedachte können die BesucherInnen plastisch in Bildern, Fotos oder Installation sehen, wahrnehmen und fühlen.

In diesem künstlerischen Reflexionsprozesses sind folgende Veranstaltungen als zusätzliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zu verstehen:

  • Die Filmvorführung des einzigen Dokumentarfilms "Töchter des Aufbruchs", der über die Lebenswege von den so genannten "Gastarbeiterinnen" erzählt.
  • Die Veranstaltung mit der Rapperin EBOW findet im Rahmen des Festivals der Kulturen / Friedensfest (Dekanatsgarten) statt.
  • Die Perfomance von der Nigerianerin Esther Enahoro über Frauen auf der Flucht.
  • Die Lesung mit der deutsch-tunesischen Schriftstellerin Kaouter Tabei.
  • Der interreligiöse Frauendialog findet im Rahmen des Hohen Friedensfests 2016 statt.

 

Aus diesen Überlegungen heraus wollen wir uns in diesem Projekt mit der Frage befassen, wie die Wahrnehmung von Frauen und besonders von der „Migrantin“ in Augsburg ist? Denn nicht erst sei den 50. Jahren spielt Migration eine fundamentale Rolle in der Lechstadt. In den 50. Jahren wurden in erster Linie Frauen als Fachkräfte in Augsburg gebraucht. Heute weist Augsburg in ganz Deutschland den höchsten Einwohneranteil mit Migrationserfahrung auf. Vier von zehn Augsburger*nnen sind entweder selbst zugewandert oder Kinder einst eingewanderter Eltern. Wie sah und sieht das Leben von Frauen im Herrenbachviertel oder in Hochzoll-Nord aus? Und wie ist der kulturelle Austausch mit den „alteingesessen“ und den neuen Migrantinnen, oder gar mit den Frauen auf der Flucht?

Mit diesen Impulsen soll ein breites Publikum motiviert werden, über ein so brisantes, kontroverses und hoch aktuelles Thema zu reflektieren. Zu diesem Zweck werden Expert*nnen eingeladen, damit sie dem Publikum und den Künstlerinnen die Thematik aus der Sicht ihrer jeweiligen Fachrichtung näher erläutern.

Ich bin der Meinung, dass die Teilhabe an solchen gemeinschaftlichen Aktivitäten und Interaktionen die Integration und Partizipation in der neuen Gemeinschaft fördert. So besteht die Möglichkeit, dass jede Person sich – ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Klasse, Rasse oder ihres Alters – entfalten kann. Das Projekt möchte ferner darauf hinweisen, dass die individuelle Persönlichkeit eines jeden Menschen von Werten und Lebensvorstellungen geprägt ist. Daher ist es mir wichtig, dass jeder und jedem - unabhängig von Bildung, Herkunft und sozialer Stellung - mit diesem Projekt ermöglicht werden soll, Zugang zu Kunst und Kultur zu haben!

 

Ohne die finanzielle Unterstützung von diversen Stellen der Stadt Augsburg könnte diese interdisziplinäre und transkulturelle Kunstausstellung in Augsburg in dieser Form nicht möglich sein. Daher bedanke ich mich ganz herzlich bei:

  • Frau Dr. Margret Spohn, Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt der Stadt Augsburg           
  • Frau Barbara Emrich, Gleichstellungsstelle der Stadt Augsburg
  • Frau Christiane Lembert-Dobler, Friedensbüro im Kulturamt der Stadt Augsburg
  • Frau Silke Kirchberger, Evangelisches Forum Annahof, Augsburg
  • Herrn Ekkehard Schmölz, Medien und Kommunikationsamt der Stadt Augsburg
  • Frau Gudrun Nositschka, Vorsitzende der Gerda-Weiler-Stiftung.

 

  • Die Ausstellung ist als eine außerparlamentarische und außeruniversitäre Diskussionsplattform zu verstehen.
  • Durch die interaktive Teilnahme von Kunstinteressierten und BesucherInnen leistet die Ausstellung einen Beitrag zum multikulturellen Dialog.
  • Das Projekt ist außerdem als eine erlebnisorientierte Veranstaltung angelegt, denn es werden interaktive und interkulturelle Gruppenführungen angeboten.
  • Da das Projekt interdisziplinär und transkulturell angelegt ist, ist das Projekt ferner ein Begegnungs-Projekt der verschiedenen Kulturen.
  • In diesem Sinne ist das Projekt als ein Beitrag zur Sichtbarkeit der Geschichte von Frauen und Migrantinnen wahrzunehmen.
  • Das Kunstprojekt kann als Anstoß für einen Bewusstseinswandel, ja gar für eine Erneuerung in dieser Gesellschaft wahrgenommen werden.
  • Nicht zuletzt ist dieses Kunstprojekt einen Beitrag zur Überwindung der Politikverdrossenheit.

 

 

Je schreckensvoller diese Welt, desto abstrakter die Kunst,

während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.

Paul Klee

  

Rosa Luxemburg:  "Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht!"